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News: Gastronomie und Einzelhandel ziehen an einem Strang

Beigetragen von S.Erdmann am 06. Jan 2020 - 18:04 Uhr

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Nur Sieger erbrachte eine gemeinsame Aktion eines Einzelhändlers und eines Gastronomen auf Juist. Neben den beteiligten Betrieben sind es vor allem die Einwohner und Gäste des Ortsteiles Loog, die zukünftig wieder ein Versorgungsgeschäft und auf absehbare Zeit einen ebenfalls fehlenden weiteren gastronomischen Betrieb erhalten werden.

Nachdem im Loog das einzige Versorgungsgeschäft im vergangenen Sommer geschlossen war, sieht es für die kommende Saison dort wieder sehr viel besser aus. „Wir beginnen in den nächsten Tagen damit, das Geschäft in der Memmertstraße mit neuen Regalen und einem neuen Kassensystem zu versehen und einzurichten, und zu den Osterferien 2020 werden wir eröffnen“, so Norbert Gillet, Seniorchef der Firma Gillet & Söhne, in einem Pressegespräch mit JNN. Rund zwei Jahre will er als Pächter das Geschäft betreiben, dann soll es einen Neubau in der Hammerseestraße mit einem Lebensmittelgeschäft für das Loog geben.

Bereits seit 1964, als das Loog erschlossen wurde, gab es in der Memmertstraße 3 im Haus „Hausberg“ ein Lebensmittelgeschäft. In Eigenregie führte es die Norder Kaufmannsfamilie Hausberg, die auch in der Wilhelmstraße im Ort einen Laden hatte. Bis 1971 leitete Mariechen Hausberg das Geschäft, dann wurde es an Siegfried Bieler verpachtet. Dieser war ein Jahr zuvor nach Juist gekommen und als Geschäftsführer im Dorfgeschäft der Hausbergs tätig.

Von 1963 an gab es übrigens zwei Läden im Loog, in der Hammerseestraße 5 führte Angelika Brinsa ein kleines Geschäft, dass sie aber 1971 nach dem plötzlichen Tode ihres Mannes wieder schloss. (Wenn man es weiß, kann man es noch erkennen, dass in dem Haus mal ein Laden war.)

1975 wechselte Bieler in das Geschäft im Haus „Angelika“, im Loog kamen Thomas und Oktavia Hupperts aus Köln als neue Pächter, die bis 1981 auf Juist waren. Ende der 70er Jahre kam Norbert Gillet nach Juist, um in der Jugendherberge seinen Zivildienst abzuleisten. Er blieb danach auf der Insel und strebe eine Selbstständigkeit an. Zusammen mit dem Loogster Dieter Erdmann, der zuvor bei Hupperts den Beruf des Einzelhandelskaufmanns erlernt hatte, wollten die beiden das Haus „Hausberg“ als neue Pächter übernehmen. Doch der Kaufmann Wolfgang Herget, der Schwiegersohn von Mariechen Hausberg, hielt die beiden für zu jung und unerfahren und holte stattdessen einen Diepholzer Kaufmann names Deutschmann zur Insel. Gillet begann mit einem kleinen Kiosk im Haus „Delft“ im Loogster Pad, der sich wegen der gegenüberliegenden Jugendherberge in sehr guter Lage befand.

Bereits nach einem Sommer endete die Ära Deutschmann schon im Herbst 1981 wieder, jetzt war Herget bereit, das Objekt an den Jungunternehmer zu verpachten. Ab 1982 hieß der Pächter Norbert Gillet, denn sein ursprünglich geplanter Partner war erkrankt, danach ging er zur Deutschen Bundespost und schlug dort die Beamtenlaufbahn ein. Bis 1987 betrieb Gillet auch noch parallel den Kiosk im Haus Loogster Pad, wofür eine sehr fähige Mitarbeiterin gefunden hatte.

Zwanzig Jahre führte Gillet das Geschäft, ab 1989 war auch Ehefrau Elke dabei. 1995 kam der Laden im Haus „Inselrose“ dazu, denn es ließ sich besser kalkulieren und einkaufen, wenn man zwei Standorte hatte und Waren dem Bedarf entsprechend verschieben konnte. Immerhin begann im Loog der Verkauf von Insulanerhäusern an Festländer, so dass gerade in den Wintermonaten immer weniger Menschen dort lebten und einkauften.

Damit begann der Ärger mit Wolfgang Herget, der sich auf eine sogenannte Konkurrenz-Klausel berief, wonach Gillet kein zweites Geschäft westlich der Bäckerei Remmers betreiben durfte. Das war auch nicht der Fall, denn die „Inselrose“ lag mitten im Dorf, also östlich von Remmers, und wurde zudem von Elke Blum-Gillet betrieben. Die Sache eskalierte aber immer mehr, 2002 wurde Norbert Gillet als Pächter rausgesetzt. Da dieser nicht nur viel Herzblut in den Laden gesteckt, sondern auch zahlreiche Verbesserungen finanziert hatte und die Kündigung unbegründet war, folgten sieben Jahre Klagen und gerichtliche Auseinandersetzungen, die viel Geld gekostet hatten.

Nach einer kurzen Zeit, wo die Kette „Frisia-Backshop“ den Laden hatte, gab es ein ebenso kurzes Gastspiel einer Familie Krombach. Diese fühlten sich mehr der Gastronomie hingezogen und betrieben einen Grill auf dem Vorplatz, bevor sie schon alsbald nach Garmisch-Partenkirchen zogen, um dort eine Gaststätte zu pachten. Als nächstes übernahm Jens Vogt im Jahr 2004 den Kaufmannsladen im Loog. Im Winter 2008/2009 gab es einen Anbau mit einer Erweiterung der Verkaufsfläche. Die letzten drei Jahre versuchte Herget, das Geschäft von Portugal aus zu managen, was aber nicht funktionierte, zumal er auch mit der Auswahl des Personals kein gutes Händchen hatten. So endete das Unterfangen in einem ziemlichen Desaster. Da auch mehrere Verkäufe scheiterten, weil der Eigentümer als äußerst schwieriger und eigenwilliger Mensch bezeichnet werden kann, saßen die Loogster nun ohne Versorgung da. Außerdem schloss auch die Gaststätte „Kiebitz-Eck“ im Herbst 2018 nach 53 Jahren (JNN berichtete), womit ein weiteres Angebot für Einheimische und Gäste fehlte. Im letzten Sommer bot die Jugendherberge zumindest Brötchen zum Verkauf an externe Gäste an, ebenso gab es einen Lieferservice von Gillet.

Ganz andere Sorgen im Vorjahr hatten indes Ruth und Martin Hintermann, die das Cafe/Restaurant „Strandhalle“ auf der Strandpromenade betreiben. Sie benötigten noch einen weiteren Koch und trotz der Probleme, überhaupt Personal zu bekommen, stand ein solcher zur Verfügung, aber: Es fehlte an einer geeigneten Unterkunft und in der Saison war es aussichtslos, noch etwas zu finden. Schweren Herzens musste man der Fachkraft wieder absagen. „Das darf nicht passieren und ist uns auch nur einmal passiert“, so Martin Hintermann. Sie sahen sich daraufhin nach einem Kaufobjekt mit geeignetem Wohnraum um und stießen auf das Loogster Geschäftshaus. Immerhin zwei Wohnungen und vier Personalzimmer befinden sich oben, unten indes die Geschäftsräume. Und ein Hindernis der besonderen Art: Um ein Versorgungsbetrieb im Loog zu erhalten, ist im Bebauungsplan nämlich festgelegt, dass dieses Grundstück mit der Zweckbindung für einen solchen Laden versehen ist. Hintermann: „Wir hätten es zur Not selbst machen können, aber Einzelhandel ist nicht unser Ding, wir sind Gastronomen.“

Die Hintermanns wandten sich deshalb an die Firma Gillet und Söhne und beide Parteien überlegten, wie sie ihre Interessen bündeln konnten. Elke und Norbert Gillet haben nämlich schon vor längerer Zeit zwei nebeneinander liegende Häuser ebenfalls im Loog gekauft (die Häuser „Oldenburg“ und „Detmers“) und planen, das Haus Oldenburg abreissen zu lassen und ein neues Gebäude mit einem barrierefreien Ladengeschäft und Personalwohnen im Obergeschoß zu errichten. Doch bis die Planungen abgeschlossen und das Projekt steht, werden noch gut zwei Jahre vergehen. So kamen die Gillets und die Hintermanns überein, dass der Einzelhändler das Geschäft in der Memmertstraße bis zur Fertigstellung des neuen Projektes pachtet und betreibt.

Nachdem man sich einig war, wurden die Pläne auch dem Gemeinderat vorgestellt, um von dort ein Votum zu kriegen. Immerhin muss dieser zu gegebener Zeit eine Änderung im Bebauungsplan dahingehend vornehmen, dass die Festsetzung für den Laden im B-Plan den tatsächlichen Gegebenheiten angepasst wird, d. h. Befreiung davon in der Memmertstraße und Festsetzung auf dem Grundstück des Neubaus, der nur rund einhundert Meter vom jetzigen Laden entstehen wird.

Die ganze Sache lief unter große Geheimhaltung über die Bühne, denn nun gab es für die Hintermanns ein neues Problem: Hätte Verkäufer Herget erfahren, dass die Firma Gillet als Pächter wieder da rein sollte, wäre es nicht zum Verkauf an Ruth und Martin Hintermann gekommen. Aber alle Beteiligten inklusive Rat, Verwaltung, Interessengemeinschaft Loog und die Juister Wohnungsbaugenossenschaft - die sich ebenfalls gemeinsam, aber leider ergebnislos, um eine Lösung bemüht hatten - hielten dicht, bis der Verkauf unter Dach und Fach war.

Martin Hintermann ist sehr froh über das Ergebnis: „Wir haben ab sofort Personalunterkünfte und jetzt zwei Jahre Zeit, eine angemessene und zum Loog passende Gastronomie im jetzigen Laden zu planen“. Dabei hat er das fehlende „Kiebitz-Eck“ ebenso im Blick wie die Tatsache, dass der Inhaber und Betreiber der „Domäne Loog“ altersmäßig auf die Siebzig zusteuert.

Und auch Norbert Gillet ist hochzufrieden: „Das mache ich nicht mehr für mich und meine Frau, sondern für die nächste Generation. Während andere Unternehmen keine Nachfolger innerhalb der Familie finden, haben wir das Glück, dass unsere beiden Söhne Nomo und Tjard begeisterte Einzelhandelskaufleute geworden und mit Elan im Betrieb tätig sind.“ Und so ärgerlich die niedrigen Zinsen für Sparen sind, hat es auch eine gute Seite: „Der Zeitpunkt für solche Investitionen ist so gut wie nie“, so Gillet, denn: „Der geplante Neubau im Loog wie auch der durchgeführte Erwerb und Umbau des Geschäftshauses in der Ortsmitte funktionieren nur aufgrund der derzeitigen Zinspolitik. Mit den früher üblichen Zinsen von fünf bis acht Prozent wären solche Projekte unmöglich gewesen.“

Unser Foto zeigt das Geschäftshaus der Hintermanns in der Memmertstraße, welches bald wieder mit Leben erfüllt wird.
JNN-FOTO: STEFAN ERDMANN