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News: Inselkantor Stephan Reiß spielte Erik Satins "Vexations" 840mal

Beigetragen von S.Erdmann am 30. Jul 2026 - 17:01 Uhr

Bild 0 von Inselkantor Stephan Reiß spielte Erik Satins "Vexations" 840mal

Das war schon etwas ganz Besonderes, ein Konzert von 16,5 Stunden, gespielt nur von einer einzigen Person in der Evangelischen Inselkirche. Ein einziges, geheimnisvolles Motiv von Erik Saite (1866 – 1925) erklang in dieser Zeit 840 Mal – wechselweise gespielt von Inselkantor Stephan Reiß auf Klavier, Cembalo, Truhenorgel und einer modernen elektronischen Orgel.

Erik Saite war ein französischer Komponist und Pianist des frühen 20. Jahrhunderts. Mit seinem Schaffen beeinflusste er die Neue Musik, den Jazz und die Populäre Musik gleichermaßen. Der Nachwelt bekannt sind im Besonderen die drei 1888 für Klavier geschriebenen Gymnopédies. Saite war nicht unumstritten, er galt als sturer und skurrieler Eigenbrötler, der sogar seine eigene Religion erschuf, der nur er alleine angehörte.

Es handelt sich bei dem Stück „Vexations“ um eines der ersten Beispiele für ein repetitives Arrangement sowie für Atonalität in der Kunstmusik und wird allgemein als eines der längsten Stücke der Musikgeschichte überhaupt angesehen, obwohl die Partitur nur aus einer Seite besteht. Da kaum Hinweise auf die Entstehungsgeschichte des Werks existieren und Saite es auch nie schriftlich erwähnte, ist die musikalische Einordnung bis heute umstritten, es wird bisweilen auch als musikalischer Scherz des Komponisten bezeichnet. Dennoch zählt es wegen der Ungewöhnlichkeit zu den bekanntesten Werken Satins. Allerdings nicht zu seinen Lebzeiten, erst 1949 erschienen die Noten in gedruckter Form und 1963 fand die Uraufführung statt. Die Anweisung, das Stück 840 Mal zu wiederholen, findet sich in einem kurzen Einleitungstext auf der Partitur.

„Ich hatte mit den „Vexations“ noch eine Rechnung offen,“ sagte ein sichtlich erschöpfter aber zufriedener Stephan Reiß am Konzertende. Bereits 2006 hatte er – damals noch in Bremen – sich daran auf einem Flügel versucht, nach mehr als zwölf Stunden musste er aber wegen Muskelverspannungen abbrechen. Auf Juist waren die Weichen besser gestellt. Durch den Wechsel der Instrumente konnte er sich bewegen, die Anschlagstärken der Instrumente seien anders, was gut für die Finger war und zudem konnte er auch zwischendurch im Stehen spielen. Dennoch gab es immer wieder Krisen, so um Mitternacht und besonders morgens gegen halb Vier.

„Ich spielte quasi gegen den menschlichen Biorhythmus, Beginn am Abend, über die Nacht bis zum nächsten Mittag, besser wäre ein Beginn am frühen Morgen und das Ende um Mitternacht,“ so Reiß. Allerdings wären dann die Anfangs- und Endzeiten sehr ungünstig gewesen, so waren abends viele Zuhörer bei Konzertbeginn dabei, die auch lange blieben. Nur kurzzeitig sei er in der Nacht mit Küsterin Heike Westkott, die ebenfalls die ganze Zeit vor Ort war, alleine gewesen, immer wieder kamen zu allen Zeiten Zuhörer, die mal kürzer und mal länger blieben.

Als das Konzert gegen Mittag des Folgetages dem Ende zu ging, fanden sich wieder sehr viele Zuhörer ein. Am Ende gab es Standing Ovations, minutenlang dauerte der begeisterte Applaus, ein Riesenbeifall für eine Riesenleistung. „Ihr könnt klatschen, soviel ihr wollt, aber heute gibt es keine Zugabe,“ so Reiß nach 16,5 Stunden Dauerspiel.

Ob es eine Wiederholung gibt? Vielleicht im nächsten Jahr, meinte Stephan Reiß, aber „nicht wieder alleine.“ Nur mit mindestens einem weiteren Musiker dabei, um mal eine Pause machen zu können, das kann sich der Inselorganist vorstellen.

Für die Zuhörer war alles auch ein besonderes Erlebnis: Nicht nur Stühle, sondern auch eine Isomatte, ein Bett, eine Kniebank, eine Strandmuschel, eine Sesselecke und ein Tanzbereich luden zu ganz unterschiedlichen Körperhaltungen und Bewegungen ein. Es gab reichlich Informationen über den Komponisten Erik Saite, die Idee der "Vexation" und die Bedeutung der Zahl "840". Ein Gästebuch lud zum Schreiben ein, Leinwände zum Malen, wo zahlreiche Bilder entstanden, Gedankenimpulse zum Mitnehmen und Weitergeben, Kerzen können entzünden werden.

Und nicht zu vergessen, es wurden Spenden zugunsten des Norddeutsch-Ukrainischen Hilfsstabs e.V. (https://hilfe-ua.de/) gesammelt, ein Projekt, das dem Inselkantor schon länger sehr am Herzen liegt.
 
TEXT UND FOTOS: STEFAN ERDMANN (mit Material von WIKIPEDIA)