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Ritter ohne Furcht und Tadel


Ob mitwachsend und mobil, fest gewachsen oder nur gemietet; mit ihren gepanzerten Körpern sind sie wohl die ritterlichsten Erscheinungen in der Tierwelt des Wattenmeeres: die Krebse.

Garnele, Strandfloh, Seepocke oder Hummer; Krebse gehören zu einer enorm vielfältigen Tiergruppe. Das zeigt sich allein schon bei Art, Entstehung oder Form des Panzers. Denn nicht alle Krebse haben das Glück, gleich mit einem Panzer auf die Welt zu kommen, wie dies bei der Strandkrabbe, dem Taschenkrebs oder dem Hummer der Fall ist. Hier wächst die Ritterrüstung nicht nur mit, sondern sie ist so konstruiert, dass das Tier beweglich bleibt. Anders verhält es sich bei Arten wie der Seepocke und der Entenmuschel, beide gehören zu den Rankenfußkrebsen. Sie zementieren sich für immer und ewig mit ihrem Kopf an einem harten Untergrund fest. Und zwar so fest, das selbst der stärkste Epoxidharz – Klebstoff um ein Mehrfaches in der Wirkung übertroffen wird. So trotzen sie Brandung und Gezeiten.
Arten wie der Einsiedlerkrebs dagegen müssen sich die Ritterrüstung erst mühsam „ersuchen“. Sie stecken ihre ungeschützten Weichteile in passende leerstehende Schneckenhäuser, die sie im Laufe ihres Lebens aber häufiger wechseln müssen, wenn sie ihnen zu klein werden.



Aber nicht nur das Äußere der Krebse erinnert an Ritter, auch die eine oder andere Verhaltensweise lässt Vergleiche mit dem Rittertum zu. Denken wir nur an die Strandkrabbe. Wie ein gepanzerter Recke wandert sie behäbig im Watt hin und her. Droht überraschend Gefahr, zeigt sie wahrlich ritterliche Tugenden. Sei der Feind auch noch so groß, sie streckt ihm drohend ihre Scherenfüße entgegen und schlägt sie kräftig zusammen und so auch manchen Feind in die Flucht.

Ritterliche Tugenden gegenüber der Damenwelt beweist der Taschenkrebs. Die „Verlobung“ beim Taschenkrebspaar findet – wie es sich schickt - vor der Häutung des Weibchens statt. Das Männchen umklammert dann seine Braut und schützt sie so lange, bis ihr Panzer ausgehärtet ist. Ein echter Kavalier!

Der Schlickkrebs ist der Minnesänger unter den Krebstieren. Es herrscht schon Festivalatmosphäre, wenn bis zu 100.000 Tiere, die auf einem Quadratmeter Wattboden leben können, durch das Zerplatzen eines kleinen, zwischen den Fühlern gespannten Wasserhäutchens das berühmte Wattknistern erklingen lassen.



Was aussieht wie ein Burgfräulein, das von den Zinnen seiner Feste herunterfächert, ist in Wirklichkeit - wie wir noch sehen werden - ein echter Kerl: die Seepocke. Wir kennen sie meist nur als weiße Knubbel auf anderen Krebsen, Muschelschalen oder Schiffsrümpfen. Aber bei Wasserbedeckung strecken sie ihre Beine aus dem Gehäuse, die zu fächerförmigen Rankenfüßen umgebildet und mit feinen Borsten besetzt sind. Kleine Nahrungspartikel bleiben in der durch die vielen Borsten gebildeten Fangreuse mit einer „Maschenweite“ von weniger als 0,03 mm hängen und werden durch das Schlagen der Beine direkt zum Mund gestrudelt. Wie in einer uneinnehmbaren Burg wird der Weichkörper der Seepocke von sechs kleinen Kalkplättchen umgeben. Die einzige Öffnung ist durch zwei Paar Verschlussdeckelchen vor Austrocknung und Feinden gesichert.
Doch nun zum Thema Seepocke und Männlichkeit: Die noch schwimmfähigen Seepockenlarven bevorzugen zur Ansiedlung Stellen, wo schon Artgenossen wohnen. Das hat einen besonderen Grund, denn zur Fortpflanzung dürfen diese nicht weiter entfernt sein, als der Penis lang ist. Und der erreicht immerhin doppelte Körperlänge, was mehr als bei jedem anderen Tier der Welt ist. Und damit die Vermehrung auf jeden Fall klappt, sind Seepocken Zwitter, so dass Nachbarpocken sich gegenseitig befruchten und beide Eier legen können.

Wir hoffen, dass wir „eine Lanze brechen konnten“ für die faszinierende und oft verkannte Tiergruppe der Krebse, die aufgrund ihrer Vielfalt und ihres Individuenreichtums eine ganz entscheidende Rolle für das Leben und Überleben im Nationalpark spielt.

 

Ihre Nationalparkverwaltung

geschrieben von: Nationalparkverwaltung am 21. Mai 2010
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